



Gandalf, Liebe auf den zweiten Blick
Dass dieser unscheinbare Kater eines Tages bei mir hausen würde, hätte ich nicht gedacht – nahm ich ihn anfänglich nicht einmal wahr. Er war selten zu sehen im Katzenraum des Tierheims Pfötli, verkroch sich gerne ins oberste Häuschen oder in die hinterste Ecke des Katzenbalkons. Eines Tages aber erblickte ich ihn – und er mich. Er streckte seinen Kopf in Richtung meiner Hand, und ich streichelte ihn zum ersten Mal. Da war mir klar, dass „Gandalf“ (in Anlehnung an den weissen Zauberer aus Herr der Ringe“) zu mir gehören möchte. Unklar war jedoch zu diesem Zeitpunkt, wie er sich mit meinem Hund Sam vertragen würde, Bedenken, dass dies aber nicht funktionieren sollte, hatte ich keine - und in der Tat: Kaum zu Hause angelangt, erblickte er Sam, steuerte direkt auf ihn zu und schmiegte sich an ihn. Ich weiss nicht wer von uns mehr erstaunt war über dieses eher untypische Verhalten einer Katze, Sam oder ich. Er stand jedenfalls völlig verdattert da, während der weisse Kater sich schwungvoll an ihn schmiegte. Seither sind die beiden echte Kumpels. Kein Morgenspaziergang durch den Wald, bei dem uns Gandalf nicht begleiten würde, sehr zum Erstaunen vieler Spaziergänger. Und wenn es darum geht, das Sofa in Beschlag zu nehmen, arbeiten die beiden sowieso Hand in Hand, bzw Pfote in Pfote. Je länger ich Gandalf nun kenne, umso mehr bin ich überzeugt, dass dieser komische Kater wohl mit Hunden aufgewachsen ist, ist doch sein Verhalten in vielen Aspekten Katzenuntypisch – ich jedenfalls kenne keine Katze, die es geniesst, sich in Kuhmist zu wälzen, ganz abgesehen von seiner Körpersprache, angefangen vom Schwanzwedeln bei Freude... Gandalf war, wie ich später herausgefunden habe, eine Wohnungskatze, und kannte Freigang nicht. Wenn ich ihn nun sehe, wie er es geniesst, sich draussen aufzuhalten, ob Sonne oder Regen, und dann zufrieden nach Hause kommt, freue ich mich umso mehr, dass ich ihm ein Leben ermöglichen kann, das ihm entspricht. Und er dankt es mir auf – mitunter halt etwas gar eigene – Art und Weise. Oder wie sonst soll ich mir die erlegte Taube erklären, die er mir neulich unters Bett gelegt hat?
